PRESSE

 

Kobolde und Helden unter dem Stift

Marc Thill - Luxemburger Wort vom 16. Juni 2020

 

Das Festival international de la Bande dessinée in Contern hätte an diesem Samstag und Sonntag zum 27. Mal stattfinden sollen. Nur leider hat das Corona-Virus auch diese kulturelle Veranstaltung in eine – um es im Comic-Jargon auszudrücken – „leere Sprechblase“ verwandelt. Keine Comics in Contern in diesem Jahr, weder ein Tintin noch ein Astérix, auch nicht Spirou und Superjhemp – ihre Fans müssen auf ein nächstes Mal warten.

Der Luxemburger Zeichner Fern Weirich war bei fast allen Festivalausgaben dabei. Ihn hat dieses Bücherfest in den Straßen von Contern während seiner gesamten Karriere begleitet. Immer wieder saß er in der oftmals überhitzten Sporthalle und hat dort seinen Lesern Widmungen in die Bücher gezeichnet. Dieser Treffpunkt war für ihn aber auch ein wichtiges Sprungbrett: „1997 war ich ein erstes Mal dabei, damals präsentierte ich meine Cartoons. Ein Jahr später dann wurde ich während des Festivals von der Redaktion der Zeitung ,Le Jeudi‘ angesprochen, sie wollte von mir eine wöchentliche Karikatur. Ich sagte zu, und damit ebnete sich mir der Weg hin in die Welt der Publikation und der Medien.“

 

Mit „Le petit peuple“ wird Fern Weirich zum Ende des Jahres eine komplette Geschichte über das Leben von Kobolden und Wichteln in seiner Wohnheimat als Bande dessinée vorlegen.

Es blieb nicht nur beim „Le Jeudi“, auch die Tageszeitung „Le Quotidien“ wollte Karikaturen. Fern Weirich blieb der französischsprachigen Zeitung bis ins Jahr 2006 treu, hatte dann aber die Nase voll. „Der Druck, immer wieder eine Karikatur liefern zu müssen, war einfach zu groß, und darüber hinaus hatte Luxemburg auch nicht genügend Politiker mit Profil, um fortwährend neue Cartoons zu erfinden.“

Fern Weirich ist ein Autodidakt. Tusche und Bleistift packte er erstmals in den 1980er-Jahren an. Auch damals schon schickte er seine Werke in die Medien – manchmal wurden sie abgedruckt, meistens aber nicht. Dass eine große deutsche satirische Publikation ihn veröffentlichte, das freute ihn, in Luxemburg aber bemerkte es kaum jemand.

Nach seiner Cartoon-Phase widmete sich Weirich zunehmend der Buchillustration, auch daran fand er viel Spaß. Einfach nur Bilder zeichnen und seiner Kreativität freien Lauf lassen, das erfüllte fortan sein Künstlerdasein. „2008 habe ich mein erstes Buch in Deutschland beim Verlag TheNextArt unterbringen können, kein Comic, kein Karikaturenband, sondern ein Artbook“, erzählt der Zeichner.

Für eine Comic-Geschichte hatte Weirich damals noch nicht den langen Atem. „Um ein komplettes Album zu zeichnen, muss man schon viel Disziplin aufbringen, und die hatte ich in dieser Zeit leider nicht.“ Dem Zeichner fehlte aber auch der Szenarist, der ihm vielleicht die gute Geschichte geschrieben hätte. „Ich musste alles selbst machen, und da verliert man sich sehr schnell beim Zeichnen, man verheddert sich.“

Nun aber ist es so weit. Mit „Le petit peuple“ wird Fern Weirich zum Ende des Jahres nämlich eine komplette Geschichte über das Leben von Kobolden und Wichteln in seiner Wohnheimat als Bande dessinée vorlegen. Der französische Verleger Tuttistori Editions hat dem Zeichner sein Vertrauen geschenkt. 2012 hatte Weirich gemeinsam mit seiner Frau Beate im Verlag TheNextArt bereits „Die Wurzelwelt-Chronik“ herausgebracht, die sich ebenfalls mit der Welt der Wichtel beschäftigte. Das Thema ließ ihn seitdem nicht mehr los. Und so hat er zusammen mit seiner Frau den Stoff nun nochmals neu aufgegriffen und zu einer Fortsetzungsgeschichte ausgebaut.

Drei Bände sind dafür fest eingeplant, ein erstes Buch erscheint zum Jahresende, was danach kommt, weiß der Künstler nicht. „Ich bin ein alter Hund von 72 Jahren und mache mir deshalb keine Illusionen, man wird halt älter“, meint er schmunzelnd.

Er wird für diese Geschichte eine Mischung aus unterschiedlichen Zeichenstilen anwenden. Gerne lässt er sich dabei von der franko-belgischen Bande dessinée beeinflussen, aber auch vom amerikanischen Comic. Anders nämlich als in seinen Artbooks sind die Figuren in „Le petit peuple“ fröhlicher und nicht so düster, auch nicht so martialisch – sie haben etwas fülligere Formen.

„Ich mag den ,Old School Comic‘ aus den Vereinigten Staaten, so wie er dort in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden ist“, meint Weirich. Die geistigen Vorfahren seiner Heldenfiguren findet man daher vor allem in den amerikanischen Geschichten, etwa in „Tarzan“ und „Conan the Barbarian“, Hefte, die der Zeichner in seiner Jugend genauso verschlungen hat wie die französischen und belgischen BD-Klassiker „Tintin“, „Astérix“ und „Spirou“.

In seiner Kindheit war Weirich allerdings auch ein großer Fan von alldem, was aus der Feder von Gab Weis kam. Neben Pe’l Schlechter war Weis ein Pionier des Comics in Luxemburg und veröffentlichte unter anderem im „Luxemburger Wort“ und in der „Revue“. Weirich wollte mitunter sogar „Mil“, eine Figur, die Gab Weis geschaffen hat, wieder neu aufleben lassen, eine Idee, die sich aber mit der Zeit zerstreut hat.

 

Die Frage, ob „Le petit peuple“ vielleicht auch eine Anspielung auf das kleine Luxemburger Volk sei, beantwortet Weirich mit Jein. Er lässt dabei durchblicken, dass im zweiten Band ein kleiner König auftauchen wird, der Henri heißt. Ob damit der Großherzog gemeint ist, überlässt er dem Leser.

Wie dem auch sei, die Geschichte um das kleine Volk spielt sich nicht in Luxemburg ab, sondern in der Region Donnersberg in Rheinland-Pfalz, wo auch Fern Weirich wohnt. Es ist eine Hügellandschaft, die etwas hinterwäldlerisch und einsam ist, und dort sollen, wie der Zeichner betont, auch viele Sagen und Legenden herumspuken, aus denen er und seine Frau reichlich schöpfen können.

Der Verlag Tuttistori Editions, in dem das Buch erscheinen wird, ist eigentlich ein Kinderbuchverlag, der sich aber nun auch in der Comic-Sparte etablieren will und deshalb mit „Le petit peuple“ seine erste BD auf den Markt bringen wird. Weitere Comic-Zeichner sollen demnächst folgen.

Die Corona-Krise seit Mitte März hat Fern Weirich übrigens sehr gut gemeistert. Der Künstler hat die Zeit der Pause während des Lockdowns mit reichlich kreativer Arbeit aufgefüllt. So hat er unter anderem ein Sketch-Book zusammengestellt, das er im Eigenverlag unter dem Namen „Carbonara“ herausgebracht hat. Es enthält etliche Schwarz-Weiß-Skizzen von Porträts und Szenenbildern aus den Artbooks, die Weirich in den Jahren zuvor veröffentlicht hat. „Carbonara“ hat eine limitierte Auflage, die Bücher sind durchgehend nummeriert und sie verkaufen sich offenbar gut.

„Das ist ebenfalls ein positiver Nebeneffekt der Corona-Krise“, meint der Autor. „Da der französisch-belgische Markt stark auf Bücherläden ausgerichtet ist, die während des Lockdowns geschlossen waren, und da auch keine Festivals stattgefunden haben, blieb nur noch das Internet, und da hat man mich und meine Bücher offenbar gefunden.“

Die Festivals fehlen dem Künstler dennoch. In Luxemburg sieht man ihn auf dem Fantastikfestival Luxcon und natürlich in Contern, in Deutschland ist er in Dortmund, München, Hamburg, Aachen und Erlangen sowie auch auf vielen Festivals in Frankreich und Belgien präsent. „Will man Bücher verkaufen, dann muss man zu seinen Lesern.“ Hoffentlich klappt es 2021 wieder in Contern. Den Zeichnern fehlt es jedenfalls nicht an Geschichten.

 

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